Lagerungsmöglichkeiten
Kindern und Jugendlichen mit einer schweren Mehrfachbehinderung
ist es häufig nicht möglich, einen selbständigen
Positionswechsel, z.B. Drehen von der Rückenlage in die
Seitlage, durchzuführen. Das lange Verbleiben in einseitigen
Haltungen führt aber zu weiteren körperlichen Problemen,
wie u.A. zur Wirbelsäulenverkrümmung, zu Gelenkversteifungen,
zu Hüftfehlstellungen oder zu Druckgeschwüren.
Eine Haltung wird immer nach den individuellen körperlichen
Voraussetzungen ausgewählt werden. Ist das Kind z.B.
spastischen Einflüssen unterworfen, bietet sich eine
Position an, welche einen günstigen Einfluss auf den
erhöhten Spannungszustand der Muskulatur ausübt
eine sogenannte gehemmte Ausgangsstellung. Diese
Ausgangsstellung liegt in der totalen Umkehr des spastischen
Bewegungsmusters: überstreckt das Kind beispielsweise
in der Rückenlage den ganzen Körper, gibt man durch
Unterlagerung von Kopf und Beinen eine Beugung ein.
Ist ein Kind sehr schlaff in dem Spannungszustand seiner Muskulatur,
wird man ihm mit einer Körperumgrenzenden Lagerung helfen
können.
Die Auswahl der Lage wird auch vom Angebot bestimmt, welches
an das Kind gerichtet wird, z.B. benötigt das Kind um
Essen und Trinken zu können eine Ausgangslage, welche
ihm eine gute Kopf und Rumpfkontrolle bietet.
Im folgenden beschreibe ich einige Lagerungsmöglichkeiten
mit ihren Vor und Nachteilen sowie ein paar klassische
Lagerungshilfsmittel.
Rückenlage:
Vorteile:
- Große
Auflagefläche => dadurch ist wenig Energie zur Haltungsbewahrung
nötig, - gute Konzentration auf Wahrnehmungsangebote.
- Ausgangslage
für die Entspannung und zur Entlastung der Wirbelsäule
Nachteile:
- Häufig
wird in der Rückenlage der tonische Labyrinthreflex
( s. Abb. 1. ) ausgelöst !
- Ungünstig,
unmittelbar nach dem Essen oder Trinken, da die Gefahr besteht,
dass die Nahrung in die Luftröhre gelangt (Aspiration).
- Häufig
liegen die Kinder auf Bodenhöhe, die Betreuer steigen
über sie hinweg...... .

Technik der Rückenlage:
Bei starker Überstreckung => Beugung eingeben.
Die Kopfhaltung wird unterstützt durch: Kissen, kleiner
Lagerungsschlange, einem zusammengerolltem Handtuch, Sandsäckchen
oder einem Keil mit ausgehöhlter angepasster Kopfform
( Abb. 2 ).

Bei Kindern die sehr stark mit dem Kopf in die Unterlage
bohren, - gilt: je gebeugter der Kopf gelagert ist, desto
besser. Die Unterstützung des Kopfes sollte nicht am
Hinterhauptsbein das meiste Gewicht übernehmen, da dieser
Druck einen Reiz zum Gegendruck auslösen kann !
Wenn die Kopfbeugung nicht ausreichend ist, um die Überstreckung
zu hemmen, beugt man den Kopf plus Beugung der Schultern und
Beugung des Oberkörpers: z.B. Hängematte mit seitlich
stark hochgezogenem Rand, je nachdem wo die meiste
Beugung eingegeben werden soll, kann man das Ober oder das
Unterteil erhöhen oder waagerechter spannen.
Weiter bietet sich für die erhöhte Rückenlage
=> Übergang zum Sitz - ein Knautschsack ( mit Styroporkügelchen
gefüllter Sack) an, evtl. mit rutschfester Unterlage
auf einem Keil. Ein 90 Grad Winkel in Hüft und Kniegelenken
hemmt die einschießenden Spasmen. ( Abb. 5)
- Oft
kann ein leichter Sandsack der auf das Brustbein gelegt
wird, die Überstreckung verhindern.
- Ein
mit kleinen Bällen ( Bällchenbadbälle oder
Tennisbälle) gefüllter Bettbezug kann auch eine
gute Lagerungsmöglichkeit darstellen.

Seitenlage:
Vorteile:
- Reflexneutrale
Stellung, => dem Kind schießen keine pathologischen
Reflexe ein !
- Auge
Hand, Hand Hand und Hand Mund Kontakte
werden erleichtert.
- =>
das Kind hat bei starker Streckspastik, häufig nur
in der Seitlage die Möglichkeit etwas von einer in
die andere Hand zu geben, oder z.B. an den Fingern zu lutschen
!!!
- Übergreifen
der Mittellinie => ist für Drehbewegungen wichtig
!
- Schulung
der obenliegenden Seite
- Balanceschulung,
da das Kind in der Seitlage eine geringe Auflagefläche
hat.
- günstiger
Einfluss auf Wirbelsäulenverkrümmung bes.
bei stark asymmetrischen Kindern => schauen in welcher
Seitlage die Wirbelsäule mit verringerter Verkrümmung
liegt !
Nachteile:
- die
Lage kann instabil sein => die Kinder fallen in die Rückenlage
zurück ( z.B. bei Streckspastik ) oder drehen unkontrolliert
in die Bauchlage.
- Das
obenliegende Bein kann in die Innendrehung abrutschen und
zu weit zu dem anderen Bein abfallen => Gefahr ( o. Unterstützung
) einer Hüftluxation !
Technik der Seitenlage:
Das obenliegende Bein mit Kissen, Schaumstoff, oder Lagerungsschlange
unterlagern, damit es nicht auf das untere Bein abkippen kann.
Die untere Schulter vorziehen, damit diese nicht zu viel Rumpfgewicht
tragen muss.
Schräge Unterlage ( Keil ) entweder in Richtung Bauchlage
oder Rückenlage um einer vermehrten Beugung oder Streckung
( => zus. Lagerungsschlange in den Rücken ) entgegenzuwirken.
Die verkürzte Seite ( Skoliose ) wird häufiger nach
unten gelagert !
Die zu aktivierende Seite wird häufiger nach oben gelagert
!
Das Kopf nach hinten drücken kann mit
dem Unterlegen eines Keils verringert werden.
Neigt das Kind sehr zum Überstrecken viel Beugung
eingeben, indem das obere Bein möglichst in einem 90°
Grad oder noch kleinerem Winkel in der Hüfte gebeugt
wird. Evtl. den Kopf und den Rumpf mitbeugen. ( Abb.6 u. 7
) Wenn sich das Kind trotz ausgeklügelter Lagerungsstechnik
in der Seitenlage sehr überstreckt, sollte man überlegen,
ob nicht ein angepasstes Schaumstofflagerungsteil ( s. Fotoanhang
Maria ) in Frage kommt.


Bauchlage:
Vorteile:
- Aktivierung
des Kopfabhebens => erste Möglichkeit die Kopfkontrolle
zu üben !!
- Unterarmstütz,
Handstütz können geübt werden
- mit
zunehmender Kontrolle der Bauchlage werden die Bewegungen
drehfreudiger, es entsteht der einseitige Unterarm und später
der Handstütz, das Spiel in der Bauchlage wird möglich.
- Dehnung
der oft verkürzten Hüftbeuger
- Kräftigung
der oft schlappen Rückenmuskulatur
Nachteile:
- Gefahr
des Hohlrückens im Lendenwirbelsäulenbereich (Hyperlordose)
- Viel
Verlust von Speichel bei fehlendem Mundschluss => Flüssigkeitsmangel
!!
- bei
starker Streckspastik werden die Schultern evtl. bis hinter
den Rücken verdreht => Schulterluxationen !
- bei
großer Überstreckungsneigung muss die Bauchlage
sehr dosiert angeboten werden, da die Gefahr einer Hyperlordosierung
besteht.
Die Bauchlage ist zu bevorzugen bei Kindern welche:
- in
Rückenlage Angst haben
- keine
ausreichende Kopfkontrolle im Sitz erreichen
- in
der Seitenlage nicht zu stabilisieren sind
=> Das heißt, es handelt sich in der Regel um Schüler,
welche motorisch stark betroffen sind.
Technik der Bauchlage
Bei zu viel Beugung den Oberkörper erhöhen, indem
z.B. eine Rolle unter die Achseln geschoben wird. Die Rolle
sollte nicht dicker sein, als die Oberarme lang sind. Rutscht
das Kind nach vorne weg, evtl. mit einem Keil unterlagern
das hilft dem Kind sich gegen die Schwerkraft aufzurichten.
( Abb. 8 )
Der Keil kann an den Hüften o. Knien enden, oder bis
zu den Sprunggelenken herunterreichen.

Statt den Oberkörper zu erhöhen, kann man die Stützfläche
für die Arme tiefer setzen ( z.B. liegt das Kind längs
auf der Rolle und seine Arme stützen auf einem Schaumgummiblock
)
Bei guter Aufrichtemöglichkeit von Kopf und Rumpf, kann
man auch den Kniestand vor der Rolle probieren. ( Abb. 9 )

Stehen im Stehständer
Vorteile:
- Wirbelsäulenverkrümmungen
und Gelenkversteifungen werden verzögert
- das
Pfannendach der Hüfte wird besser ausgebildet, die
Hüftluxation wird vermieden
- die
Knochen werden belastet und somit dichter, was wiederum
günstige Auswirkung auf die Frakturneigung hat und
zum Wachstum anregt
Atmung, Kreislauf und die Verdauung werden angeregt
- der
Gesichtskreis erweitert sich, das Kind hat eine gemeinsame
Ansprachehöhe mit allen anderen => Kommunikative
Ausgangsstellung !
Nachteile:
- mögliche
Verstärkung von Überstreckungen, wenn die Schüler
ihren Streckspasmen im Stand sehr stark ausgeliefert sind
- bei
sehr spannungsarmen ( hypotonen ) Kindern hängen
diese im Stehständer und verstärken ihren Rundrücken
( schrägverstellbaren Stehständer wählen
)
Zielgruppe:
- Kinder,
welche viel im Zwischenfersensitz hocken, => um Beugekontrakturen
in Hüften und Knien vorzubeugen.
- Kinder
welche sich zum Stand alleine hochziehen, aber nur mit pathologischen
Haltungen stehen können, bzw. gehalten werden müssen
=> die Hände können im Stand frei werden zum
Spiel!
- Kinder
mit einer Hüftproblematik ( Absprache mit dem Arzt
! ), da durch das Stehen der Hüftkopf besser ausgebildet
wird.
- Nach
Op`s der Hüft, Knie oder Fußgelenke sollten die
Kinder frühzeitig wieder stehen => Absprache mit
dem Arzt.
- Kinder
welche durch den Stand zu neuen Erfahrungsmöglichkeiten
angeregt werden sollen.
Technik des Stehens im Stehständers:
Mit dem Rolli an den Stehständer heranfahren. Abschnallen
von Beckengurt und Fußriemen, das Kind soll nach vorne
rutschen, die Füße werden in die Fußschalen
gestellt, das Kind kann sich am Tisch festhalten und evtl.
mithelfen sich in den Stand hochzuziehen. Beckenbügel
schließen und kontrollieren ob die Kniegelenke in den
Knieschalen stehen oder ob die Hüfte verdreht ist. Korrektur.
Manche Kinder brauchen Innenschuhe oder Einlagen oder spez.
orthopädische Schuhe zum Stehen, da der Fuß z.B.
in den Knick abrutscht.
Der Stehständer sollte schrägverstellbar sein wenn
das Kind noch Probleme mit der Kopf und Rumpfkontrolle hat
s. Bauchlage
Das Zubehör wird individuell auf jedes Kind angepasst,
z.B. Tischranderhöhung, seitl. Rumpfführung, andere
Fußschalen etc. => Rehatechniker

(Abb.10 / Stehständer der Firma Rehatec Dieter Frank
GmbH )
Sitz
Damit ein Kind gut sitzt, muss es über eine gute Kopf
und Rumpfkontrolle verfügen. - Viele der schwermehrfachbehinderten
Kinder und Jugendlichen erreichen diese Kontrolle nie. Trotzdem
sollte ihnen mit Hilfe von einer angepassten Sitzschale diese
Lernausgangslage angeboten werden. Die Sitzschale muss so
konzipiert sein, dass dem Kind die Vorteile des Sitzens ermöglicht
werden.
Vorteile des Sitzens: Nur bei guter Sitzschale!
- Kommunikation
!
- Essen,
Spielen, Lernen auf gemeinsamer Höhe mit den Anderen.
- Unterarm
und Handstütz können geübt werden und dienen
zur Haltungsbewahrung
- Hand
Hand Koordination, Auge - Hand Mund Koordination
- Raumwahrnehmung
Nachteile des Sitzens: Besonders bei unangepasstem Sitz!
- Belastung
der Wirbelsäule und der Hüftgelenke (Rundrücken,
Hüftluxationen)
- Überstreckungen
werden nicht gehemmt ( Hyperlordose, Schulterluxationen
)
- Kopf
hängt runter Beine und Füße werden nicht
in eine funktionelle Haltung geführt ( z.B. weil Abduktionskeil
oder Fußschalen fehlen )
- kaum
eigenaktives Handeln ( z.B. Greifen von Spielzeug ) möglich.
Technik des Sitzens:
Ein guter Hilfsmitteltechniker ist gefragt, mit der
Bereitschaft verschiedenste Vorschläge auszuprobieren.
Sitzschalen sind teuer => nur keine falsche Bescheidenheit
!
Sitzschalen müssen für jedes Kind absolut individuell
angepasst werden. Hier nur ein paar Tipps:
- Eine
gute Beckenführung ist der Schlüsselpunkt des
Sitzens !!!
- Es
kann ein Beckenbügel, eine Sitzhose ( bei Jungs nicht
) oder nur ein Abduktionskeil für eine gute Beckenführung
sorgen. Wenn der Hüftwinkel kleiner als 90° ist,
hemmt er die Überstreckungen, ist er größer,
sorgt er für mehr Spannungsarbeit im Rumpf. Den richtigen
Winkel zu finden heißt: ausprobieren.
- Die
Sitzlänge muss stimmen, d.h. das Kind muss mit dem
Po an der Rückenlehne ansitzen und die Kniekehlen sollten
einen Fingerbreit Abstand zur Sitzfläche haben.
- Die
Sitzbreite sollte die Winterkleidung mit berücksichtigen
, aber trotzdem einen stabilen Halt bieten.
- Die
Rückenlehne endet am Knickpunkt der Brustwirbelsäule.
- Rumpfführungspelotten
können dem Kind einen guten Halt bieten um seitlich
nicht abzukippen. Der Rumpf kann weiter über einen
Brustgurt, eine Sternum - Pelotte oder eine Brust
Schulter Pelotte stabilisiert und gestützt werden.
- Für
die Kopfstütze gibt es verschiedene Möglichkeiten:
Hinterhauptspolster, Rechteckige Kopfstütze, Muschelform
=> ausprobieren.
- Die
Füße können mit Riemen oder Schalen fixiert
werden manchmal reicht eine rutschfeste Unterlage
schon aus.
- Die
Höhe vom Tisch wird über die Armlehnen eingestellt,
der Tisch kann zum Einschieben oder zum Umklappen sein.
- Die
Schale sollte nach hinten neigbar sein, um die Druckpunkte
auch mal verteilen zu können. Über einen Adapter
ist die Schale vom Untergestell lösbar und evtl. als
Schaukelsitz, als Füttersitz in der Wohnung, oder als
Autositz einsetzbar.
- Die
Sitzschale sollte mit dem Schwerpunkt über der hinteren
Reifenachse stehen, das erleichtert das Schieben. Die Reifen
gibts mit Luftfüllung der richtige Luftdruck
ist entscheidend für die Bremswirkung der Hebelbremsen,
oder mit Vollgummibereifung - diese ist härter und
bietet weniger Komfort.
Also jede Menge gibts zu beachten !
Vgl. Literaturliste:
- Holtz,
R.: Therapie und Alltagshilfen
- Adressenhinweise
für technische Hilfen für Behinderte / Berufsförderungswerk
Heidelberg
Fotoanhang
Maria:
Maria ist ein 4 jähriges Mädchen mit einer schweren
spastischen Tetraparese. Sie besucht seit einem Jahr den Schulkindergarten
der Paul Meyle Schule in Heilbronn.
Für sie Lagerungsmöglichkeiten zu finden, in denen
sie spielen kann, ist eine tägliche Herausforderung und
ein ständiges Ausprobieren. Ein paar Beispiele:
clicken Sie auf die Bilder, um sie groß zu sehen...
M. Bühnen
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