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Sonderpädagogisches
Forum Kinder und Jugendliche mit schweren Mehrfachbehinderungen,
Ulm am 17. November 2000
Teamentwicklung in der schulischen Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten
Kindern und Jugendlichen
Renate Schwark, FD'in
Schloss-Schule
Schlossstraße 23
68549 Ilvesheim
Gliederung
1) Teamentwicklung in der Schule - ein kurzer Überblick
2) Die Bedeutung der Teamentwicklung für die schulische
Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen
3) Das Ilvesheimer Strukturmodell der Teamarbeit
- Exemplarische Darstellung eines "Teams"
- Organisation, Zielsetzungen und Arbeitsweisen eines "Kern
-Teams"
- Schulische Rahmenbedingungen
4) Ausblick
1. Teamentwicklung in der Schule - ein kurzer Überblick
Im modernen Sprachgebrauch versteht man im Bereich der Schule
unter einem "Team" eine "demokratisch
organisierte Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern mit unterschiedlichen
Ausbildungsrichtungen, sozialen und methodischen Kompetenzen;
sie begleitet über einen längeren Zeitraum eine
Schülergruppe; im Rahmen des Schulprofils reflektiert
sie ihre fachliche, methodische und pädagogische Arbeit;
sie ist sich selbst und den Schülerinnen und Schülern
eine Heimat mit Vertrauen und Zuwendung." (Joachim Dröge:
Gemeinsam im Team; Schulleiter-Handbuch Nr. 91, S. 41)
Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass Teamentwicklung
ein unentbehrliches Element der inneren Schulentwicklung darstellt,
wenn diese erfolgreich verlaufen soll.
Eng daran gekoppelt scheint die individuelle Persönlichkeitsentwicklung
der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines schulischen Teams
zu sein.
Schlüsselqualifikationen, die man gemeinhin unter "Teamfähigkeit
= Fähigkeit zur Zusammenarbeit" zusammenfasst,
beziehen sich auf so verschiedene soziale Kompetenzen wie
Fairness, Toleranz, Empathie, Aufgeschlossenheit, Frustrationstoleranz,
Menschenfreundlichkeit, Sachlichkeit in der Argumentation,
Kritikfähigkeit, soziale Verantwortung vor allem gegenüber
den Schülerinnen und Schülern und deren Interessen
...
Das Wachsen einer positiven Einstellung eines gesamten Lehrerkollegiums
gegenüber der Teamarbeit, die Verbesserung der Teamfähigkeit
des Einzelnen und seine volle Bereitschaft, mit anderen gemeinsam
neue Wege zu beschreiten, zu planen, zu erproben, zu kommunizieren,
Fehler zu machen und zu korrigieren u.v.m., brauchen viel
Zeit und große Freiräume, die Schule bereit stellen
muss, sollen die Vorteile der Teamarbeit zum Tragen
kommen.
Vorteile der Teamarbeit gegenüber dem "Einzelkämpfertum"
· die Gruppe weiß mehr (=Vielfalt des
Kompetenzen)
· die Gruppe regt an (=Vielfalt der Begabungen
und Interessen)
· die Gruppe gleicht aus (=Vielfalt der Charaktere)
(vgl. Elmar Philipp: Teamentwicklung in Schulen", Schulleiter-Handbuch
Nr. 73, S. 17 ff)
Philipp sieht in der Team-Arbeit einen organisatorischen,
aber auch einen individuellen Nutzen:
· Teamarbeit ermöglicht Arbeiten, die ein Einzelner
nicht leisten kann
· bei Planung und Durchführung der Aufgaben kommen
unterschiedliche Perspektiven zum Tragen
· starre Organisationsformen können leichter aufgebrochen
werden
· neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind leichter
zu integrieren
· Selbsterfahrung des Einzelnen durch "Spiegelung"
durch Team - Mitglieder
· ...
Diese Gruppeneigenschaften gereichen nicht automatisch zum
Vorteil in der schulischen Arbeit: Sie müssen konsequent
entwickelt und gepflegt werden.
Elmar Philipp schlägt hierzu die Instrumentarien des
"Feedback" und der "Prozessanalyse"
vor.
Feedback
Die einzelnen Mitglieder einer Gruppe geben sich gegenseitig
Rückmeldungen über ihr Verhalten während des
Arbeitsprozesses und denken bei Bedarf gemeinsam über
Verhaltensmodifikationen nach. Kenntnisse und Methoden der
Kommunikationspsychologie sind hierzu unbedingt erforderlich,
um den Feedbackprozess bewusst und erfolgreich zu gestalten.
Wird dies geleistet, können gut und regelmäßig
gepflegte Rückkoppelungen dazu führen, dass alle
Gruppenangehörigen ihr Verhalten zum Wohle der gemeinsamen
Zielsetzungen positiv verändern.
Der Autor schlägt vor, die Rückmeldungen an folgenden
Maßgaben auszurichten:
· konkret
(Verhaltensweisen konkret beschreiben, nicht interpretieren,
verallgemeinern, bewerten)
· kurz
(Feedback auf wenige wichtige Eindrücke beschränken,
die unmittelbar Erlebtes knapp und genau wiedergeben)
· konstruktiv
(Rückmeldung nur geben, wenn erwünscht; negative
mit positiver koppeln)
· kurzfristig
(Rückmeldung direkt geben, nicht erst nach längerer
Zeit)
Prozessanalyse
Sie stellt ein zentrales Instrument bei der Teamentwicklung
dar, das
· vor allem zu Beginn des Gruppenprozesses zeigen und
steuern kann, wie jedes Mitglied die Gruppe und die darin
herrschende Dynamik empfindet;
· geeignet ist, um innerhalb der Gruppe die Kritikfähigkeit
und die Qualität der eigenen Arbeit zu verbessern.
Als Methoden bieten sich u.a. an
· Ein-Punkt-Fragen ("Wie zufrieden bin ich...?")
· Gefühls- und Zufriedenheitsthermometer
· Stimmungsbarometer
· ...
Jede Gruppe zeichnet sich durch eine ihr eigene Dynamik aus,
die zumeist jedoch vier "idealtypische" Phasen durchläuft.
Aus einer "zufällige(n) Ansammlung von Individuen"
- eine Anzahl von sechs bis acht Mitgliedern sollte nicht
überschritten werden - entwickelt sich im Laufe der Zeit
eine "reife" Gruppe, wenn alles gut läuft.
(Philipp a.a.O., S. 22)
Francis / Young veranschaulichen diesen Wachstumsprozess einer
Gruppe in einer "Team-Entwicklungsuhr". Sie lässt
sich in der Praxis einsetzen, um festzustellen, in welchem
Stadium sich die eigene Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt
befindet und welche Veränderungsmaßnahmen man für
die Zukunft vorsehen möchte. (Francis, D./ Young, D.:
Mehr Erfolg im Team. Hamburg 1989, S. 173 ff)

2. Die Bedeutung der Teamentwicklung in der schulischen
Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen
Gilt das zuvor Gesagte für jegliche Form schulischer
Teamentwicklung, so stellt die Arbeit mit schwer behinderten
Kindern und Jugendlichen in diesem Problemkreis nochmals eine
besondere Herausforderung dar: In der Vergangenheit war das
"Schule halten" auch in der Schule für Geistigbehinderte
fast ausschließlich die Aufgabe von lehrenden "Einzelkämpfern".
Nur in besonderen Fällen unterstützte eine Zweitkraft,
meist als Pflegekraft, zeitweise die Lehrerinnen und Lehrer.
Mit der Aufnahme schwer mehrfachbehinderter Schülerinnen
und Schüler in unsere Schulen ist diese Form des Unterrichtens
nunmehr undurchführbar. Die Bedürfnisse und das
Sosein dieser Kindergruppe fordern ein gänzlich anderes
Vorgehen: Nicht ein Einzelner/eine Einzelne ist in der Lage,
dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, sondern
eine ganze "Gruppe" von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
mit unterschiedlichen Kompetenzen sind unabdingbar vonnöten.
In dieser strukturell vorgegebenen Situation, die gar nichts
anderes als das Arbeiten im Team zulässt, liegt m. E.
aber die große Chance, nicht nur diesen Kindern voll
gerecht zu werden, sondern auch die jeweilige Schule von innen
heraus weiter zu entwickeln und die Arbeitskultur zu optimieren.
Das gemeinsame Planen und Durchführen von Unterrichtsprojekten,
die freundlichen Kommunikationsformen untereinander, die Hilfestellung
bei körperlich schweren Arbeiten, die gegenseitige Vermittlung
neuer Kompetenzen, die genauen Kenntnisse um die Bedürfnisse
der Kinder der Gruppe, das Verfolgen von Förderzielen
und Bewältigen von Alltagspflichten u.v.m. sind für
alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundlegende professionelle
Facetten der Teamarbeit, die es zu pflegen gilt, um die nicht
immer einfache Aufgabe tagtäglich mit großem Einsatz
und nicht nachlassender Freude und Zufriedenheit zu meistern.
Der Erfolg in der schulischen Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten
Kindern hängt jedoch ganz entscheidend davon ab, ob ein
Team "funktioniert" oder ob wegen fehlender Teamfähigkeit
der Gruppenmitglieder "ständig Sand ins Getriebe
gelangt". Im ersten Fall stellt ein solcher Arbeitsplatz
für alle Beteiligten ein bereichernder Ort dar, an dem
man sich gerne aufhält und seine Aufgaben zum Wohle aller
erfüllt.
Im umgekehrten Falle wenden sich die Vorteile der Teamarbeit
ins Gegenteil. Nur eine intensiv (von außen) gesteuerte
Teamentwicklung kann dann i.d.R. das Arbeitsklima verbessern
und großen Schaden für die Institution und besonders
für die Kinder abwenden.
3. Das Ilvesheimer Strukturmodell der Teamarbeit
Die Schloss-Schule Ilvesheim ist eine der ältesten Blindenschulen
Europas. Ihre Anfänge reichen bis in das Jahr 1826 zurück.
Zur Zeit besuchen einhundertfünfundvierzig blinde oder
hochgradig sehbehinderte Schülerinnen und Schüler
vom Schulkindergarten bis zur Realschule diese Einrichtung.
Ein bedeutender Schwerpunkt unserer Arbeit liegt seit ca.
dreißig Jahren auch in der schulischen Förderung
und Erziehung mehrfachbehinderter Kinder, die neben der Sehschädigung
an weiteren Behinderungen leiden. Der Anteil der schwer mehrfachbehinderten
Kinder und Jugendlichen wächst seit Jahren kontinuierlich.
Zweidrittel der Schülerschaft in der Abteilung für
Geistigbehinderte ( in absoluten Zahlen:40 von 65 Kindern
) sind mittlerweile dieser Gruppe zuzurechnen.
Das Organisationsmodell der Abteilung für Geistigbehinderte
an der Schloss-Schule Ilvesheim steht im folgenden im Mittelpunkt
der Betrachtungen:
Die Schülerschaft (65 Kinder und Jugendliche) verteilt
sich auf zwölf Klassen mit je vier bis sieben Schülerinnen
und Schüler. Die Zusammensetzung der Klassen folgt in
der Unterstufe dem Prinzip der Altershomogenität. In
höheren Klassenstufen können jedoch auch andere
Gesichtspunkte wie z.B. das Vermeiden von zu vielen Rollstuhlkindern
in einer Klasse zu neuen Lerngruppenkonstellationen führen.
Um die Personal- und Sachressourcen bestmöglich zu nutzen
und vielfältige Probleme im Schulalltag sachangemessen
lösen zu können, hat es sich in den vergangenen
sieben Jahren gut bewährt, jeweils zwei Klassen zu einer
Großgruppe zusammen zu koppeln.
Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Einheit bilden
ein "Team" und bewältigen für mindestens
ein Jahr, i.d.R. aber für mehr als drei Jahre die anfallenden
Aufgaben gemeinsam.
Wer gehört nun alles zu solch einem "Team"?
Im folgenden wollen wir am Beispiel unserer Oberstufenklassen
zeigen, dass es eine Vielzahl von Mitarbeitern gibt, von denen
einige sehr wichtig, andere weniger bedeutsam für die
Gruppenarbeit sind. Doch alle wirken sich direkt oder indirekt
auf das Gruppengeschehen und die Arbeit in der Schule aus.
Deutlich wird darüber hinaus, dass die optimale "Team-Größe"
von sechs bis acht" Gruppenmitgliedern bei weitem überschritten
wird, wenn man alle Personen mit einbezieht, die in irgendeiner
Weise mit dieser Lerngruppe zu tun haben.
Später wird zu zeigen sein, dass wir zum eigentlichen
"Kern - Team" nur die engeren Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter zählen. Sie sind es, die die Arbeitsprozesse
planen und steuern. Alle anderen Kontakte werden ermöglicht
und gestützt durch eine große Transparenz der Abläufe
und Planungen und eine stetige Kommunikation untereinander.
Das "Team-Netz" der Oberstufenklassen GOa und GOb
Die Klasse GOa ( sechs Schülerinnen und Schüler)
wird von einem Fachlehrer als Klassenlehrer geführt.
Er ist die wichtigste Bezugsperson für den Klassenverband
und den Kontakt zu Eltern, Erziehern, Therapeuten ... Zwei
Tage in der Woche arbeitet eine Fachlehreranwärterin
mit. und bringt starke Impulse aus dem Fachseminar in die
Unterrichtsarbeit ein.
Die Klasse GOb bildet das Pendant. Sie wird von einer Fachlehrerin
geführt. Auch sie kümmert sich als Mentorin um eine
Fachlehreranwärterin, die zweimal in der Woche in der
Klasse ihre schulpraktische Ausbildung erhält.
Die Klassen GOa und GOb bilden zusammen eine Großgruppe
mit dreizehn Schülerinnen und Schülern. Dieser Einheit
sind gemeinsam weitere drei Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter
zugeordnet: Zwei Sonderschullehrerinnen, eine Fachlehrerin
und ein Zivildienstleistender. Sie stellen vor allem in den
Kernzeiten des Unterrichts die jeweilige "Doppelbesetzung"
der zwei Lerngruppen/Klassen sicher und gehören zum "Kern
- Team", das die Unterrichtsprozesse steuert.
Zum erweiterten Team gehören die verschiedenen Therapeuten,
die Erzieherinnen, die nachmittags als "Doppelbesetzung"
den Unterricht mitgestalten und von Fall zu Fall die Krankenschwestern
(z.B. wenn Kinder sondiert oder abgesaugt werden müssen).
Das "Kern-Team muss mit diesem Personal eng zusammen
arbeiten, d.h. Wissen austauschen, Arbeitsabläufe und
Vorhaben transparent machen etc.
Fast alle Schülerinnen und Schüler besuchen die
freiwilligen Angebote der Arbeitsgemeinschaften. Sie kommen
dabei mit den Kindern anderer Großgruppen zusammen und
werden i.d.R. von weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
unterrichtet / betreut. Auch mit diesem Personal muss das
"Kern-Team" Kontakt halten und Gespräche führen.
Im äußeren Kreis sind die Personen aufgeführt,
die zwar nicht alle gleich intensiv und täglich, aber
von Fall zu Fall sehr intensive Kontakte zum "Kern-Team"
haben. So sind z.B. die Bus- und Taxifahrer oft wichtige Nachrichtenübermittler
zwischen Elternhaus und Schule.
An den Darstellungen ist zu erkennen, dass sich vom inneren
Kern der Großgruppe aus in konzentrischen Kreisen ein
ganzes Netz von "Team - Mitgliedern" lagert. Sie
alle haben aus ihrer Perspektive und Aufgabenstellung mit
den Kindern zu tun und tragen mit Sorge dafür, dass die
Gesellschaft allen Kindern, auch den schwer mehrfachbehinderten,
ihr Recht auf Bildung und Erziehung einlösen kann.
Damit ein solches "Team - Netz" auf allen Ebenen
funktionieren und seine Aufgabe bewältigen kann, muss
zunächst ein Minimalkonsens im Umgang miteinander bestehen:
Gegenseitiges Wohlwollen, Toleranz, Offenheit und stete Gesprächsbereitschaft
sind wichtige soziale Kompetenzen, die alle Beteiligten aufbringen
müssen.
Es wird aber außerdem deutlich, dass die Hauptsorge
für alle wichtigen schulischen Aufgabenfelder beim Kern
- Team liegt. Diese acht Personen (siehe Bild 3) bilden
den Motor für alle Lern-, Erziehungs- und Bildungsprozesse
und haben es in der Hand, ob Schule für die ihnen anvertrauten
Kinder zu einem Ort wird, der ihnen optimale Möglichkeiten
zur individuellen Persönlichkeitsentfaltung eröffnet
und in der sozialen Gemeinschaft "eine glückliche
Gegenwart ermöglicht" (A. Fröhlich)
Organisation, Zielsetzungen und Arbeitsweisen eines "Kern
-Teams"
Als Organisationsgrundlage erstellt die Schulleitung für
das jeweils neue Schuljahr einen Stundenplan in Form eines
Rahmenplans, in den die Vorgaben der Stundentafel, die Deputatsverteilung
und die individuellen Wünsche der sechs Kern -Teams einfließen.
Da die Pläne kompatibel zu denen der Allgemeinabteilung
sein müssen, was Unterrichts- und Stundenbeginn/ende,
Pausenverteilung, Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Busse etc.
betrifft (eine ganze Reihe der Lehrerinnen und Lehrer ist
in beiden Abteilungen eingesetzt), ist das Zeitraster des
Unterrichtsalltags festgelegt. Doch innerhalb dieser Vorgaben
arbeitet die Abteilung für Geistigbehinderte sehr flexibel:
Die Zusammensetzung der Lerngruppen und die Gestaltung der
Lernsequenzen z.B. gehören zur Aufgabe eines jeden Teams
und können von Gruppe zu Gruppe stark variieren.
Wie oben schon dargestellt, sind die Klassenlehrer/-lehrerinnen
die zunächst wichtigsten Ansprechpartner, die die Organisation
ihrer Klasse auf allen Ebenen "anstoßen" und
gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Kern -Teams,
zu dem sich auch die Therapeuten gesellen, folgende Aufgabenfelder
bearbeiten:
· Strukturierung der Schultage während einer Schulwoche
· Zusammensetzung der Lerngruppen über die Schultage
verteilt (wechselt mehrmals am Tag)
· Festlegung der Sozialformen (Großgruppen-,
Kleingruppen-, Einzelunterweisung. Therapien .....)
· Einteilung der Personalressourcen über den Schultag
verteilt
· Festlegung des Raumbedarfs in Absprache mit den anderen
Teams (jeder Großgruppe stehen zu jeder Zeit mindestens
vier Raumangebote zur Verfügung)
· Erstellung der Pläne für das Abholen an
den Bussen und Taxen
· Einsatz des Personals beim Mittagessen ( z.B. Fütterkinder)
· Planung der Unterrichtsvorhaben und Projekte während
des Schuljahres
· Erstellung und Niederschrift der Stoffverteilungspläne
· Festlegung der Förderangebote einzelner Schüler
· Absprache mit den Therapeuten wegen Einzeltherapien
und Hilfsmittelversorgung
· Absprache mit den Krankenschwestern wegen medizinisch
notwendiger Maßnahmen bei einzelnen Kindern (Abklopfen,
Absaugen, Sondieren von Flüssigkeit...)
· Anberaumung und Durchführung der Fördergespräche
mit den Erzieherteams
· Teilnahme an ausserunterrichtlichen Angeboten des
Internats
· Elternarbeit (Elterntage, Besuche, Elternbriefe,
Telefonate etc.)
· Absprachen mit den hauswirtschaftlichen Mitarbeitern,
Hausmeistern, der Verwaltung...
· Planung und Durchführung schulinterner Fortbildungen
· Regelung der Vertretung bei Abwesenheit eines Mitglieds
(in Absprache mit dem Abteilungsleiter)
· "Aushilfe" von Team-Mitgliedern in anderen
Teams
· ...
Diese Aufzählung ließe sich noch durch vielfältige
Tätigkeiten ergänzen. Entscheidend ist, dass das
Team seine Aufgaben kennt und die Zielsetzungen klar definiert
werden.
Wichtig ist außerdem, dass innerhalb der Teams die Aufgabenverteilung
geregelt ist, dass jeder seinen Anteil daran übernimmt
und den anderen Mitgliedern seine Sicht der Dinge transparent
macht; denn nicht alle können alles leisten. Gerade die
Verteilung auf mehrere Schultern schafft Freiräume und
schont Kräfte.
An den Kommunikationsprozessen sollten jedoch alle beteiligt
sein, damit wesentliche Gesichtspunkte die Kinder, als auch
den Unterricht selbst betreffend jedem bekannt sind und gravierende
Fehler durch Unwissen vermieden werden.
Oberstes Ziel dieser gemeinsamen Planungen - die vor
allem zu Beginn eines jeden Schuljahres sehr zeitaufwendig
sind - muss sein, Schule so zu organisieren, dass sie zu einem
Ort wird, an dem Leben und Lernen eine enge Verschränkung
eingehen können. In diesem Punkt unterscheidet sich die
Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten Kindern entscheidend
von anderen schulischen Institutionen.
Schulische Rahmenbedingungen
Damit die Team-Mitglieder die an sie gerichteten Anforderungen
erfüllen können, brauchen sie neben ihrer individuellen
Team - Fähigkeit auch äußere Rahmenbedingungen,
die Schule schaffen muss.
Die Gruppe braucht neben der Rahmensetzung einen gewissen
Grad an Autonomie, damit sie kreativ und eigenverantwortlich
planen und das Geplante in die Tat umsetzen kann.
Sie braucht weiterhin Zeit zu Vorbereitung und Kommunikation
untereinander. Während des Schultags muss es immer wieder
Freiräume und -zeiten geben, in denen informelle Kontakte
und kurze Gespräche möglich sind (z.B. bei der Übergabe"
an eine andere Lehrkraft).
Weiterhin braucht das Team Unterstützung durch die Schulleitung.
Diese sollte gegenüber Ideen und Vorhaben immer aufgeschlossen
sein und notwendige sächliche Ressourcen, soweit vorhanden,
bereit stellen. Sie sollte auch die Anstrengungen der Gruppe
und ihre positiven Arbeitsergebnisse würdigen; denn die
Gruppe ist auf Rückmeldungen und Erfolgserlebnisse angewiesen,
um mit neuem Elan neue Vorhaben zu realisieren.
Obwohl die Gruppe jeweils einen Sprecher/Motor braucht, sollte
die Schulleitung auch die anderen Team - Mitglieder in die
Gespräche einbeziehen, damit keine Hierarchien innerhalb
der Gruppe aufgebaut werden. Das Wechseln der Führung
hat sich bewährt. So ist es ungeschriebenes Gesetz in
Ilvesheim, dass bei gemeinsamen Veranstaltungen jeweils ein
Team für die Vorbereitung zuständig ist, dass aber
jeder einmal "vorne" steht und die Veranstaltung
"moderieren darf".
Während der "Intragruppenwettbewerb" (=individuelle
Leistungsbewertung) gruppenhemmend zu sein scheint, ist der
Wettbewerb zwischen den einzelnen Teams wünschenswert
und kann für die innere Schulentwicklung einen wesentlichen
Motor darstellen.
Die Zusammenstellung der "Kern -Teams" basiert sowohl
auf Sachzwängen als auch auf persönlichen Wünschen.
Es hat sich gezeigt, dass es die Gruppenarbeit erleichtert,
wenn sich die Mitglieder auch persönlich gut verstehen
und außerschulische Kontakte pflegen. So wäre es
kontraproduktiv, über Jahre gewachsene, stabile Kern
-Teams auseinander zu reißen. Neue Mitglieder sind jedoch
in jedem Schuljahr zu integrieren, was in der Regel umso besser
gelingt, je stabiler der Kern der Gruppe ist.
Treten Konflikte auf, kann die Schulleitung versuchen zu intervenieren
und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Kommt es dazu, dass
sich ein Mitglied nur schwer in ein schon "gewachsenes
Team" einklinken kann, sollten auch Umsetzungen während
des Schuljahres möglich sein. Jedoch gab es diesen Fall
bisher äußerst selten.
4. Ausblick
Team-Arbeit in der Schule steckt noch in den Kinderschuhen
und bedarf in allen Institutionen großer Beachtung.
Auch in Ilvesheim ist noch vieles verbesserungswürdig,
die "Erprobungsphase" noch nicht abgeschlossen.
Doch es hat sich gezeigt, dass diese Arbeitsorganisation die
einzige zu sein scheint, mit der die vielfältigen Aufgaben
in der Schule mit schwer mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen
bewältigt werden können.
Da ein "Team" aus menschlichen Mitgliedern besteht
und damit "lebendig" und wie jedes System ständigen
Veränderungen unterworfen ist, werden die Arbeit an und
die Bemühungen um diese Organisationsform nie abgeschlossen
sein. Aber es lohnt sich in vieler Hinsicht, in diese Aufgabe
Kraft und Energie zu investieren.
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